Ankunft
Vielmehr als eine Stadt ist Miami eine weit ausgespreizte Ansammlung von
Gebäuden, meistens Einfamilienhäuser, wo der öffentliche Raum aus Autobahnen,
Parkplätze und Shoppingmalls besteht. Drei Dinge fallen einem nach einer Weile
auf. Jedem Neuankömmling wird schon beim ersten Versuch, aus der Autobahn zu
kommen, schonungslos klar gemacht: Die Überholspur ist rechts. Zweitens, beim
Linksabbiegen wird man stets von das hinterher fahrende Auto unerbittlich
angehupt und in die Kreuzung gehetzt. Und schließlich: Wer die Spur wechseln
will (so wird man mit liebenswerter Geduld belehrt), soll dies niemals mit den
Blinker andeuten. Man würde somit die anderen Fahrer darauf aufmerksam machen,
und diese würden dann Gas geben, um zu verhindern, dass sich da ein Anderer vor
ihnen hineinschubst. Letzteres ist ein gutes Bild Miamis.
Aber gerade ich, als Venezolaner, habe am wenigsten über meine Gaststadt in Sachen Verkehrsverhalten herzuziehen. Wir sind möglicherweise die zivil -und verantwortungslosesten Autofahrer des Planeten. Und in den letzten Jahren haben wir die Strände Miamis überflutet, wie das Storm Surge eines Hurricanes, mit unsere Emigration von Flüchtlingen und Verfolgte, aber auch von sozialistische Bonzen und Kriminelle die ihr schmutziges Geld hier bleichen wollen. Täter und Opfer, die meisten bleiben. Gestrandet wie die Seenesseln und die Algen, die an den Korallensand gespült werden.
Ohne Zweifel, wir Venezolaner haben zur Verrohung der Sitten beim Verkehr ganz erheblich beigetragen. Davon kann jeder Überdriver hier Kunde geben. Die Sache hat aber noch ein Twist. Denn zu den steten Fluss karibischer, hauptsächlich kubanischer Einwanderer muss man auch Südamerikaner, Russen, Chinesen, und europäische Paradiesvögel zählen, alle mit ihren eigenen Vorstellungen, wie man sich im Verkehr zu verhalten hat. Und deshalb kann man halt sein Gegenüber auf der Strasse schlecht entschlüsseln. Aus dieses formlose Chaos entsteht jedoch, täglich und immer neu, eine Kultur, entwurzelt und gnadenlos. Ein Ort, wo „everybody hates everybody“, wie es Tom Wolfe -in typischer Manier etwas überzogen- in sein Roman Back to Blood formuliert, und wo der Autor Miami als die Stadt in Amerika entdeckt, in der „die Zukunft als Erstes angekommen ist“. Vor ein paar Monaten machte es zu den Schlagzeilen des The Miami Herald, dass eine kubanische Kassiererin beim Taco-Bell Drive-Thru sich geweigert hatte, eine afroamerikanische Kundin zu bedienen, weil diese kein Spanisch konnte und angeblich niemand in das Lokal Englisch verstand. „Das hier ist Hialeah“, belehrte sie frech die Frau, die aus Empörung nicht mehr wusste, wohin mit sich selbst. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass bis auf jeden unbedeutenden Flyer alles auf Englisch, Spanisch, und Kreole geschrieben wird.
Als wir zum ersten Mal an den Strand beim Bill Baggs State Park in Key Biscayne fuhren, hatten wir einen schönen Tag, türkisblau und algenfrei. Ich ging mit meinem Sohn und sein australischer Freund um den Leuchtturm spazieren, an dessen Fuß ein Ziegelhaus für den Turmwächter steht. Die Stelle wurde während des Zweiten Seminolenkrieges 1836 überfallen, in Schutt gelegt und wieder aufgebaut. Die Seminoles waren für mich lange Zeit schlicht der Indianerstamm Floridas gewesen. Zum Beispiel, werden sie in John Hustons Key Largo erwähnt, als die andere Geschichte, die nicht erzählt wird, und trotzdem in des Zuschauers Vorstellung eingepflanzt wird. Aber sie sind gar nicht ein Stamm, im herkömmlichen Sinne. Die Ureinwohner hier im Südwesten der Halbinsel, die Tequesta und die Mayaimi, wurden von den Krankheiten dezimiert, die aus Europa in den Schiffen der Conquistadores mit segelten. Nur wenige überlebten. Dann sind Gruppen von Creek-Indianer aus Georgia und Alabama unter Druck der europäischen Ansiedler ins spanische Florida vertrieben worden. Hinzu kamen entflohene schwarze Sklaven aus den Plantagen im Süden der Kolonien, oder aus dem Umschlagplatz Charleston in South Carolina, oder aus der Karibik: die Bahamas, oder Kuba. Die Spanier nannten sie Cimarrones. Diese herumirrende Gruppen taten sich allmählich zusammen und so entstand der Stamm der Seminoles. Das Wort ist die englische Korruption des Spanischen Cimarrón.
Der Weg zum Leuchtturm wird von Strandtrauben umsäumt, die Bäume meiner Kindheit in Naiguatá, am südlichen Ufer dieses Meeres. Wir trödelten am Wellenbrecher entlang, wo Angler, die meisten von ihnen in Lumpen, ihr Fang von kleinen Schnapper und Makrelen in Plastikkübel warfen. Etwas weiter im Flachwasser stehen die letzten Stelzenhäuser von Stiltsville, in den Jahren der Prohibition als Ausschänke und Spielbuden errichtet. Wir hatten zurück daheim als Kinder ganze Sommerferien zwischen Mangrovenkanälen und Korallenriffe verbracht, unsere Nachbarn wohnten in ebensolche Pfahlbauten. Mein Sohn und sein Freund kletterten auf das Felsengeröll, um das Wasser von der Nähe zu betrachten, oder Krabben in den Pfützen zu suchen. Alles war auf einmal so vertraut. Dieser südlichste Wipfel des nördlichen Kontinents ist gar nicht die USA, so fand ich. Er hat mehr gemeinsam mit den Küstenregionen von Mexiko bis Venezuela, mit den Großen Antillen und den Kleinen Antillen, mit den Inseln über dem Winde und den Inseln unter dem Winde. Key West ist geographisch, Miami geistig näher zu Havanna, und das ist der Konfin der Karibik. Und wir, die Bewohner dieses Binnenmeers, an diesen Strand gespült, erkennen uns wieder, trotz des Spracharchipels und das Herkunftsgewirr, beim bloßen Blick. Wir wissen, wer wir sind. Freibeuter oder Schiffbrüchige oder beides. Das ist der Ort der Ursünde, wo Genozid, Versklavung, und Plünderung die Neue Welt ins Leben riefen. Eine gewaltige Gier, die so viel Elend und Verwüstung, aber auch so viel Großartiges entstanden ließ.
Es ist immer die gleiche Geschichte, die täglich neu beginnt. Wir sind alle
Seminoles.
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